Konflikte in Afrika und deren Relevanz im Zusammenhang mit dem Lieferkettengesetz

Das kürzlich verabschiedete Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten (kurz: Lieferkettengesetz) gilt unter Politikern als Meilenstein der Menschenrechts- und Nachhaltigkeitspolitik. Ab 2023 sind Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitenden dazu verpflichtet, eine Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte abzugeben, eine Risikoanalyse und Abwendungsmanagement für diese bereitzustellen sowie einen Beschwerdemechanismus für etwaige Menschenrechtsverletzungen einzurichten.[1] Dies betrifft den eigenen Geschäftsbereich und unmittelbare Zulieferer. Für mittelbare Zulieferer ist die Sorgfaltspflicht anlassbezogen und umfasst die Erstellung einer Risikoanalyse, die Umsetzung eines Vermeidungs- und Minimierungskonzeptes sowie die Verankerung von Präventionsmaßnahmen. Ab 2024 gilt dieses Lieferkettengesetz ebenfalls für Unternehmen, die mehr als 1.000 Mitarbeitende beschäftigen.

Diese neue Regulierung stellt Unternehmen vor neue Aufgaben in einem oftmals wenig bekannten Terrain. Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen, die in der breiten europäischen Öffentlichkeit nicht präsent sind, sind ein globales Phänomen und Unternehmen können überraschend mit diesen konfrontiert werden. Die möglichen Konflikte sind vielseitig und können sich auf verschiedenste Weisen äußern. Im folgenden Artikel werden Konfliktbeispiele aus drei afrikanischen Ländern vorgestellt, bei denen Unternehmen beteiligt sind und die mit Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörung im Zusammenhang stehen: Togo, Tansania und Mosambik. Diese Beispiele werden einen ersten Einblick in die Bandbreite der relevanten Fälle geben.

Togo

Die erste Untersuchung gilt dem westafrikanischen Staat Togo. Verschiedene deutsche und internationale Unternehmen erlangten Aufmerksamkeit für ihre Aktivitäten in Togo, als es vor deren Hauptsitzen im Winter 2020 zu Demonstrationen der Diaspora Togolaise Allemagne, der Interessenvertretung der in Deutschland lebenden Togolesen, kam. Diese wendeten sich einerseits gegen umweltschädliche Geschäfts- und Produktionsprozesse der Unternehmen im Land, andererseits wurde die Stützung und Legitimierung der autoritären Regierung durch wirtschaftliche Tätigkeiten in Togo kritisiert.[2]

Vor dem Hintergrund des neuen Lieferkettengesetzes sind deutsche Unternehmen angehalten, Menschenrechtsverletzungen und Umweltprobleme zu überwachen und zu analysieren.  Für den Aspekt des Umweltschutzes kann Togo beispielhaft für weitere Staaten herangezogen werden: Von Umweltschützern und Kritikern der togoischen Regierung wird bemängelt, dass die Phosphatförderung in Togo starke Umweltschäden entlang der Küste verursacht. Diese umfassen unter anderem die Verschmutzung der Küste und ein daraus resultierendes Sterben der Fischpopulation. Zusätzlich wurden bei Fabrikmitarbeitern Gesundheitsprobleme festgestellt, die vermutlich vom Phosphatabbau stammen.[3] Diese Nachhaltigkeitsdefizite, die keineswegs nur auf den Phosphatabbau beschränkt sind, können Unternehmen im Rahmen des Lieferkettengesetzes vor neue Herausforderungen stellen.

Neben den Umwelt- und Gesundheitsaspekten sind für das neue Lieferkettengesetz die Menschenrechtsverletzungen der Regierung Togos von Relevanz. Die Herrscherfamilie Gnassingbé verfolgt einen autoritären Regierungsstil und ist durch die staatliche Société Nouvelle des Phosphates du Togo und deren Monopol unmittelbar in den Phosphatabbau involviert.[4] Die Gnassingbé-Regierung machte zudem in den letzten Jahren durch die Unterdrückung der Opposition und die gewaltsame Niederschlagung von Protesten auf sich aufmerksam.[5] Eine weitere Verschlechterung der Menschenrechtssituation in Togo ist durchaus denkbar. Dadurch entsteht für Unternehmen das Risiko, tatsächlich Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen durch Kooperationen mit entsprechenden Unternehmen oder durch Abkommen mit der Regierung aktiv zu ermöglichen oder gar zu unterstützen.

Tansania

Ein weiteres Beispiel für politische Konflikte mit Relevanz hinsichtlich des neuen Lieferkettengesetzes findet sich in Tansania. Der ostafrikanische Staat zeichnet sich zwar durch politische Stabilität und hohe Wachstumsraten im Vergleich zu anderen Staaten in der Region aus, nach außen problematisch erscheint jedoch der Umgang mit der LGBTQ+ Community.

Das Lieferkettengesetz sieht es vor, die Diskriminierung von Personen auf Grund verschiedenster Charakteristika zu unterbinden. Daher ist die Situation in Tansania durch die sowohl gesellschaftliche als auch politische Diskriminierung der LGBTQ+ Bewegung problematisch. In der Vergangenheit verursachte das drastische Vorgehen gegen die LGBTQ+ Community international negative Schlagzeilen, als 2018 ranghohe Politiker eine öffentliche Verhaftungswelle gegen Homosexuelle initiierten.[6] Der Aufruf an die Öffentlichkeit, Namen mutmaßlich Homosexueller bereitzustellen, sorgte unter westlichen Staaten für weitreichende Kritik und hatte unter anderem die Einstellung von Entwicklungsgeldzahlungen zur Folge.[7] Neben der möglichen Diskriminierung durch politische Akteure, wird jene auch in der tansanischen Gesellschaft weitergetragen.[8]

Was zunächst keine unmittelbaren Konsequenzen für internationale Unternehmen hatte, ist durch das Lieferkettengesetz neu zu bewerten. Solche oder ähnliche diskriminierende Maßnahmen könnten eigene Mitarbeiter und Zulieferer treffen. Dieses Beispiel illustriert, wie das neue Lieferkettengesetz deutsche Unternehmen in augenscheinlich stabilen und unauffälligen Staaten zu einer tieferen Analyse der politischen und sozialen Konflikte zwingt.

Mosambik

Das letzte Beispiel beschäftigt sich mit der Region Cabo Delgado in Mosambik, die beispielhaft für die Eskalation sozialer Konflikte steht. Einstige Konflikte geringer Intensität resultierten vor Ort in einem gewaltsamen Aufstand islamistischer Milizen, der internationale Militärunterstützung notwendig machte.

Die Grundlage des heutigen Konflikts ist in der Ablehnung des Staates Mosambik durch die Bevölkerung zu finden, die auf der Vernachlässigung der Region durch staatliche Institutionen und Korruption beruht. Diese Bedingungen schufen erste günstige Voraussetzungen für politische Gewalt und religiösen Extremismus in der Region, noch bevor diese für die wirtschaftliche Rohstoffförderung interessant wurde. Wirtschaftliches Interesse erlangte die Region im Norden von Mosambik durch Rubinvorkommen und die Entdeckung großer Offshore-Erdgasmengen. Die Rohstoffvorkommen zogen während der letzten zehn Jahre ausländische Investoren an. Seit 2017 sind diese jedoch mit einer zunehmend gravierenderen Sicherheitslage konfrontiert, die wirtschaftliche Aktivitäten in der Region vorerst verhindert.[9]

Durch die weit verbreitete Korruption wurden die Rubinvorkommen zwar wirtschaftlich genutzt, allerdings hat sich dabei kein nennenswerter wirtschaftlicher Fortschritt bzw. Beteiligung am Ressourcenreichtum für die Bevölkerung Cabo Delgados ergeben. Ähnlich verhielt es sich mit dem Förderungsprojekt für Erdgas, welches noch in der Konstruktionsphase unterbrochen werden musste, da die islamistischen Angriffe nun auch bei den dort tätigen Unternehmen Opfer forderten.[10] Durch die Umsetzung der Projekte entstand außerdem Konfliktpotential mit den kulturellen Gegebenheiten der lokalen Bevölkerung, da einerseits Gräber und andererseits Familien für den Rohstoffabbau umgesiedelt werden sollten.[11] Die mangelnde Transparenz bei diesen Entscheidungsprozessen sowie das autoritäre Vorgehen der Polizei bei der Durchsetzung dieser sind wichtige Faktoren in diesem multidimensionalen Konflikt, der 2017 erstmals gewaltsam eskalierte.

Die jahrelangen Attacken und Gebietsgewinne der Milizen haben die Region in eine tiefe Instabilität gestürzt, die nun durch eine internationale Militärmission behoben werden soll. Die Vernachlässigung der Zivilbevölkerung Cabo Delgados, die Korruption und weitere Faktoren verhindern in den nächsten Jahren voraussichtlich eine vollständig sichere wirtschaftliche Aktivität.

Die Beispiele Mosambik, Tansania und Togo zeigen auf verschiedenste Weisen die Relevanz des neuen Lieferkettengesetzes und warum eine professionelle politische Risikoanalyse für Unternehmen immer wichtiger wird. Konflikte wie in Mosambik, die zunächst von niedriger Intensität geprägt sind und anschließend gewaltsam eskalieren, sind wichtig für internationale Geschäfts- und Produktionsprozesse, die hierdurch gestört werden könnten. Durch das neue Lieferkettengesetz sind darüber hinaus auch Konflikte geringerer Intensität, wie beispielsweise in Togo, betroffen. Letztlich sind Umweltzerstörungen und Diskriminierungen einzelner Bevölkerungsgruppen, die Teil dieser Konflikte sind, ebenfalls nicht zu vernachlässigen.

Mit MBI CONIAS Risk Intelligence sind sie umfassend auf die Herausforderungen des neuen Lieferkettengesetzes vorbereitet. Unsere jahrzehntelange Erfahrung in der Beobachtung politischer Konflikte unterhalb der Kriegsschwelle machen die MBI CONIAS Daten einzigartig. Die hohe Anzahl dieser Konflikte und ihre komplexen Wirkungsweisen brauchen einen großen Wissensschatz, um ihre Auswirkungen frühzeitig zu erkennen. Ständige Weiterentwicklungen und Ergänzungen vergrößern den Nutzen für unsere Kunden kontinuierlich.  

Ab Spätherbst 2021 wird unsere MBI CONIAS Academy in Heidelberg außerdem Schulungen anbieten, um Ihre Mitarbeiter entsprechend vorzubereiten. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte unser Sales-Team.

Über die Autoren:
Etienne Limberger & Dr. Nicolas Schwank
CONIAS Risk Intelligence
Michael Bauer International GmbH

[1] https://www.bmz.de/de/entwicklungspolitik/lieferkettengesetz
[2] https://www.stadtpolitik-heidelberg.de/?q=node/3388
[3] https://taz.de/Phosphatgewinnung-in-Togo/!5582284/
[4] https://www.sueddeutsche.de/politik/afrika-das-grosse-schachern-1.3705970
[5] https://www.bbc.com/news/world-africa-41332072
[6] https://www.reuters.com/article/us-tanzania-lgbt-idUSKCN1N90FZ
[7] https://www.bbc.com/news/world-europe-46219356
[8] https://www.hrw.org/report/2020/02/03/if-we-dont-get-services-we-will-die/tanzanias-anti-lgbt-crackdown-and-right
[9] https://www.tagesschau.de/ausland/afrika/mosambik-cabo-delgado-105.html
[10] https://www.aljazeera.com/economy/2021/4/26/total-suspends-20bn-lng-project-in-mozambique-indefinitely
[11] https://www.macaubusiness.com/mozambique-government-failed-to-seek-local-consent-for-gas-projects-activist/

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Der Zusammenbruch Afghanistans – Der Wiederbeginn des internationalen Terrorismus?

Bildquelle: internationalaffairs.org.au.

Fast atemlos verfolgt der Westen die Bilder, die aus Kabul kommen. Anstatt innerhalb von Wochen, wie Experten noch am Freitag prognostiziert hatten, haben die Taliban die Herrschaft in Kabul innerhalb von Tagen, ja eigentlich sogar von Stunden übernommen. Fotos aus dem Präsidentenpalast illustrieren dies eindrucksvoll. Das zeigt vor allem eins: Westliche Regierungen und die NATO haben Afghanistan und die Taliban nie richtig verstanden – und es drohen bereits neue Fehlschlüsse. Da Afghanistan in den letzten Jahren stark von westlicher Hilfe gelebt hat, werden die Taliban sehr schnell die laufenden Gespräche in Doha mit dem Westen für eine weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Bitte um Hilfszahlungen nutzen, so die aktuelle Einschätzung von Experten.

Dies mag eine Möglichkeit sein, aber wenn die Vergangenheit eines gelehrt hat, dann wohl, dass die Taliban sich eben nicht entsprechend westlichen Erwartungen verhalten. China, das die seltenen Erden in Afghanistan bereits im Visier hat, und ein erneut verstärkter Ausbau der Drogenplantagen sind für die Taliban vermutlich attraktivere Alternativen.

Der Grund für den Krieg gegen die Taliban vor 20 Jahren waren die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Die Taliban wurden zwar nicht selbst verantwortlich für die Anschläge gemacht, aber für die USA und ihre Verbündeten waren sie Mitwisser und Befähiger. Warum sollten die Taliban heute, bei einer ähnlichen Konstellation, „nein“ zum internationalen Terrorismus sagen? Sorgen bereitet in diesem Zusammenhang vor allem der geringe Widerstand, den die seit Jahrzehnten vom Westen geprägten Streitkräfte und die Zivilbevölkerung den Taliban entgegengebracht haben. Es scheint, als wäre die Zeit der Gewalt und der harten Ideologie zurück. Darauf sollten sich westliche Länder und die Geschäftswelt vorbereiten.

MBI CONIAS Risk Intelligence unterstützt Sie bei der Analyse von Konfliktsituationen. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte unser Sales-Team.

Über den Autor:
Dr. Nicolas Schwank
Chief Data Scientist Political Risk
Michael Bauer International GmbH

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Anforderungen des neuen Lieferkettengesetzes effektiv umsetzen

Integration von MBI CONIAS Daten in die VertiGIS-Lösung

Transparente Supply Chain mit MBI CONIAS Risk Intelligence Daten

Der Bundestag hat am 11. Juni 2021 das „Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten“ verabschiedet. Das neue Lieferkettengesetz verpflichtet Unternehmen ab einer bestimmten Größe, ihrer Verantwortung in der Lieferkette in Bezug auf die Achtung international anerkannter Menschenrechte besser nachzukommen. Es soll ab 1. Januar 2023 für Unternehmen mit mehr als 3.000, ab 2024 für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern verbindlich gelten.

Neues Gesetz fordert Transparenz und Risikomanagement entlang der gesamten Lieferkette

Das neue Lieferkettengesetz wird von vielen Unternehmen als große Herausforderung wahrgenommen: Es verlangt Transparenz und Risikomanagement entlang der gesamten Lieferkette und gleichzeitig besondere Kenntnisse über den Status von Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen vor Ort. Bei Nichteinhaltung der neuen Vorgaben zu sozialen und ökologischen Mindeststandards innerhalb der Lieferkette drohen Imageverlust, Umsatzeinbußen, Bußgelder und der Ausschluss von Vergabeverfahren des Bundes.

Das kommende Gesetz konfrontiert Unternehmen mit neuen Aufgaben und Pflichten, für die im eigenen Hause häufig zu wenig Know-how vorhanden ist. Risiken müssen ermittelt, analysiert und geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Besonders die mangelnde Transparenz innerhalb fragmentierter Lieferketten macht das Risikomanagement für Unternehmen schwierig. Die Datenbeschaffung ist mit hohem Aufwand und die Bewertung der Lage mit großer Unsicherheit verbunden.

Lösung zur Analyse und Visualisierung von Risiken unterstützt Risikominimierung

An dieser Stelle setzt der gemeinsame Ansatz von MBI und den VertiGIS Unternehmen an. Hierbei werden die MBI CONIAS Daten in die Risk Management und Business Continuity Lösung der VertiGIS integriert. Somit steht eine effektive und global einsetzbare Lösung bereit, welche die Analyse und Visualisierung von Risiken entlang der gesamten Lieferkette ermöglicht. Risiken können identifiziert, bewertet und geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden. In diesem Zusammenhang können für Standorte weltweit Indikatoren und weiterführende Informationen zur Menschenrechtslage sowie zur Umweltsituation aufgezeigt, Gefahren antizipiert und durch entsprechende Maßnahmen abgeschwächt werden.

CONIAS kommt aus der Konfliktfrüherkennung: Das heißt, es wird nicht nur gezeigt, wo aktuell Verstöße gegen das Lieferkettengesetz vorliegen, sondern auch, wo sich Menschenrechtsverletzungen und Klimaschadensmaßnahmen verbessern oder verschlechtern. Somit wird Transparenz in der Lieferkette geschaffen und Nachhaltigkeit bereits im Vergabeprozess erreicht. Die CONIAS Daten werden kontinuierlich aktualisiert. Bei Veränderungen der Kennwerte werden Nutzer umfangreich informiert und Maßnahmen empfohlen. Durch die vorausschauende Risikobewertung und adäquat abgestimmte Maßnahmenkataloge können Risiken reduziert oder ganz vermieden werden.

Den ausführlichen Artikel, erschienen im [email protected] Magazin 2021 der VertiGIS, finden Sie hier. Für weitere Informationen kontaktieren Sie gerne unser Sales-Team.

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Die Einschätzung politischer Risiken – Orientierung und Sicherheit durch MBI CONIAS Risk Intelligence

Es ist ein Paradoxon:  Politische Risiken, darunter Kriege und politische Gewalt, gelten als die größten Risikofaktoren für Business-Manager[1]. Lieferketten können unterbrochen und Lagerbestände zerstört werden, Absatzmärkte können wegbrechen. Dennoch wird dem Bereich der Früherkennung von und -warnung vor politischen Krisen in international agierenden Unternehmen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Es wird oftmals angenommen, Krisen und Kriege seien zu komplex, um diese effektiv vorhersagen zu können – doch der wissenschaftlich fundierte CONIAS Ansatz wurde genau zu diesem Zweck entwickelt. Eine der verwendeten grundlegenden Methoden, um die vielschichtigen Risikolagen zu verstehen und schneller klassifizieren zu können, ist die Muster-Erkennung (pattern recognition)[2].

Die Muster-Erkennung ist aus generellem menschlichem Vorgehen abgeleitet

Für das komplexe Feld der politischen Risiken ist die Muster-Erkennung deshalb so gut geeignet, weil sie sehr stark dem generellen menschlichen Vorgehen entspricht. Ein Beispiel hierfür ist das folgende Szenario: Zwei Personen, 20 und 50 Jahre alt, beginnen am selben Tag ihre neue Stelle in einem kleinen Unternehmen mit zehn Mitarbeitern. Während die jüngere Person die neue Situation eher still und zurückhaltend auf sich wirken lässt, eher defensiv agiert und lieber zuhört, als selbst zu sprechen, profitiert die ältere Person von ihrer langjährigen Berufserfahrung und vielen Stellenwechseln. Sie hat diese Situation schon oft erlebt und kann deshalb Personen, die ihr in der neuen Situation begegnen, besser und schneller einschätzen. Sie vergleicht ihr Verhalten, ihre Körpersprache, den Klang ihrer Stimmen aber auch ihre Positionen mit Personen, die sie an früheren ersten Arbeitstagen kennengelernt hat. Hierbei erkennt die ältere Person Muster, die ihr Orientierung in der neuen Situation geben und leitet daraus Schlussfolgerungen für ihr Verhalten ab.

Die MBI CONIAS Datenbank erfasst auch nicht-gewaltsame Frühphasen und weitere Konflikte

Menschen bedienen sich der Muster-Erkennung – ganz gleich ob über eigenes Erleben oder über Erfahrung, die durch Erzählen bzw. Lesen erworben wurde – und orientieren sich somit in neuen Situationen. Diesem Gedanken ist auch der CONIAS Ansatz und die CONIAS Datenbank verpflichtet. Anders als herkömmliche Konfliktdatenbanken, die nur Kriege oder gewaltsame Konfliktphasen erfassen, werden in der CONIAS Datenbank auch die nicht-gewaltsamen Frühphasen dieser späteren Kriege verzeichnet[3]. Darüber hinaus – und das macht den CONIAS Ansatz so besonders – werden auch weitere Konflikte, die ähnlich beginnen wie spätere Kriege, letztlich aber einen friedlichen Verlauf nehmen, erfasst. Nur so ist es möglich, Aussagen über die Anfälligkeit bestimmter Konfliktkonstellationen zu treffen. Das lässt sich wie folgt erläutern: Es ist zwar richtig, dass ein Großteil der wenigen zwischenstaatlichen Kriege seit 1945 um Territorium geführt wurde. Beispiele hierfür sind der Überfall des Irak auf Kuwait (1991) oder der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Nagorny Karabach (2020). Dennoch wäre es umgekehrt falsch zu sagen, dass Territorial- oder Grenzstreitigkeiten besonders häufig zu Krieg führen. Derzeit gibt es etwa 120 verzeichnete Grenzstreitigkeiten zwischen Staaten, die fast alle ohne Gewalt nur auf diplomatischer Ebene ausgetragen werden. Andere Quellen sprechen von einer noch höheren Anzahl ungeklärter Grenzverläufe[4].

Nur eine umfassende Datensammlung erlaubt es, das Risikopotential von Grenzstreitigkeiten richtig einzuschätzen

Insgesamt umfasst die CONIAS Konfliktdatenbank Informationen über den Verlauf von mehr als 1.900 inner- und zwischenstaatlichen, gewaltsamen und gewaltlosen Konflikten seit 1945. Erfasst werden pro Konflikt und beteiligtem Akteur eine Vielzahl von Indikatoren, die alle dynamischen Veränderungen im Konfliktaustrag, aber auch im sozio-ökonomischen Umfeld abbilden[5]. So stellt die CONIAS Datenbank Millionen von Datenpunkten zur Verfügung, die statistischen Aufschluss über das globale Konfliktverhalten liefern. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der empirischen Konfliktforschung[6] konnte durch CONIAS ebenfalls bestätigt werden: Demokratien führen keine Kriege gegen andere Demokratien. Dieses „Gesetz“ vom demokratischen Frieden haben wir in unserem Denken schon so weit integriert, dass beispielsweise selbst die stärksten Tiefschläge in den bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA bei den größten Pessimisten dennoch keine Kriegsangst hervorriefen.

Insbesondere in Bereichen, die von anderen Konfliktdatenbanken nicht ausgeleuchtet werden, zeigt die CONIAS Datenbank wesentlich mehr Orientierungspunkte

Die Datenbank hat beispielsweise erfasst, dass kulturell geprägte Konflikte seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 und insbesondere nach dem 11. September 2001 deutlich an Bedeutung gewonnen haben[7]. Gleichzeitig zeigt die CONIAS Datenbank, dass es über einen längeren Zeitraum betrachtet nicht die Anzahl unterschiedlicher Religionen in einem Land ist, die dieses für innerstaatliche Gewalt anfällig macht, sondern die Anzahl der unterschiedlichen gesprochenen Sprachen im Land [8].

Die CONIAS Konfliktdatenbank wird kontinuierlich gepflegt und das aktuelle Konfliktgeschehen weiter erfasst. Jedes Quartal wächst das Wissen über die Entwicklung der Konflikte in der Welt um mehrere zehntausend Datenpunkte. Aktuell arbeitet das CONIAS Team daran, die Zusammenhänge zwischen politischen Konflikten, der Verletzung von Menschenrechten und Schaden bzw. Zerstörung an den natürlichen Lebensgrundlagen besser verständlich zu machen. Das neue Lieferkettengesetz, aber auch ein immer stärker wachsendes Verantwortungsgefühl für Menschenrechte und Umwelt verlangt von Unternehmen und letztlich jedem Einzelnen, hierbei sorgfältig zu handeln. Gerne liefern wir Ihnen hier nicht nur Orientierungspunkte, sondern unterstützen Sie mit unserem umfangreichen Know-how und jahrelanger Expertise. Bei Interesse steht Ihnen unser Sales-Team gerne zur Verfügung.

Über den Autor:
Dr. Nicolas Schwank
Chief Data Scientist Political Risk
Michael Bauer International GmbH

Verweise:
[1] Allianz (Hrsg): Allianz Risk Barometer, verschiedene Jahrgänge. Zuletzt 2021
[2] Trappl, Robert (Hrsg.) (2006): Programming for peace. Computer-aided methods for international conflict resolution and prevention. Dordrecht: Springer. Und: Schrodt, Philip A. (2000): Pattern Recognition of International Crises Using Hidden Markov Models. In: Diana Richards (Hrsg.): Political complexity. Nonlinear models of politics. Ann Arbor: Univ. of Michigan Press, S. 296.
[3] Schwank, Nicolas (2012): Konflikte, Krisen, Kriege. Die Entwicklungsdynamiken politischer Konflikte seit 1945. Baden-Baden: Nomos (Weltregionen im Wandel, 9). Und: Schwank, Nicolas, et al. „Der Heidelberger Ansatz Der Konfliktdatenerfassung.“ Zeitschrift Für Friedens- Und Konfliktforschung, Vol. 2, No. 1, 2013, S. 32–63.
[4] Vgl. https://www.cia.gov/the-world-factbook
[5] Schwank, Nicolas (2012): Konflikte, Krisen, Kriege. A.a.O.
[6] Small, Melvin; Singer, J. David (1976): The war-proneness of democratic regimes, 1816-1965. In: The Jerusalem journal of international relations. – 1 (4), S. 50–69.
[7] Croissant, Aurel (2009) et al.: Kulturelle Konflikte seit 1945. Die kulturellen Dimensionen des globalen Konfliktgeschehens. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos (Weltregionen im Wandel, 6). Stiftung, Bertelsmann (2010): Culture and Conflict in Global Perspective. The Cultural Dimensions of Global Conflicts 1945 to 2007. Guetersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.
[8] Ebda.

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Russlands Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze: Warum jetzt?

Ukraine-Russland-Donbass

Besorgniserregende Signale sind zu erkennen: Die Truppenkonzentrationen der russischen Föderation an der ukrainischen Grenze sind ungewöhnlich und gleichzeitig angsterregend. Die Parallelen zum letzten Kriegsausbruch sind deutlich. Zudem sind die Beziehungen zwischen beiden Staaten seit dem von Russland gesteuerten Krieg in der ukrainischen Donbass-Region und der Besetzung der Krim durch russische Soldaten so schlecht wie keine zweite zwischen anderen europäischen Staaten.

Besteht die Gefahr eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine?

Insgesamt ist die Lage als sehr ernst zu bezeichnen und vermutlich ist die Kritik aus der Ukraine und anderen östlichen NATO-Staaten berechtigt, dass Deutschland und andere westliche Staaten die Lage nicht in ihrer Tiefe und Bedrohlichkeit begreifen. Auch Auswertungen aus unserer MBI CONIAS Konfliktdatenbank, in der der Verlauf von mehr als 1.000 politischen Konflikten seit 1945 gespeichert ist, zeigen deutlich, dass in weit mehr als 50% aller verzeichneten Fälle auf solche Art von Truppenkonzentrationen Kriege oder andere hochgewaltsame militärische Auseinandersetzungen folgten. Besorgniserregend war zuletzt die in Russland durch die staatlich kontrollierten Medien verbreitete Meldung, die Ukraine plane Rückeroberungen. Aktionen wie diese bereiten die wichtige und von der russischen Regierung benötigte innerstaatliche Legitimation für einen weiteren Krieg gegen die Ukraine vor. Unternehmen ist in dieser angespannten Situation zu empfehlen, äußerst achtsam vorzugehen, vermeidbare Reisen in die Ukraine zu unterlassen und sich mit Notfallplänen auf eine Unterbrechung der ukrainischen Lieferkette vorzubereiten.

Warum ist diese Entwicklung gerade jetzt zu beobachten?

Zu einer Lage-Analyse gehört auch immer die Frage: Welche Bedeutung hat der Zeitpunkt der Aktion? In anderen Worten ausgedrückt: Warum erfolgt der Aufmarsch jetzt, warum nicht vor zwei Monaten, was hat sich zwischenzeitlich verändert? Mindestens zwei Antworten sind hier denkbar, eine untermauert die Bedrohlichkeit der Aktion, die andere könnte ein rationales Argument liefern, welches Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang der Situation gibt. Kritisch zu sehen ist, dass Russland in den vergangenen Jahren in den umstrittenen Regionen der Ost-Ukraine in großem Umfang Pässe an die Bevölkerung ausgeben ließ. Schätzungen gehen von mindestens 400.000 neuen russischen Staatsbürgern aus. Diese könnten Russland nach eigenem Verständnis ein Argument liefern, diesen Bevölkerungsteil nun auch auf offiziell russischem Staatsgebiet schützen zu wollen.

Testet Russland den neuen US-Präsidenten?

Die zweite Sichtweise stammt eher aus den Tagen des Kalten Krieges, ist aber angesichts des aktuellen Zustands des internationalen Systems möglicherweise genau deshalb richtig: Russland testet den neuen US-amerikanischen Präsidenten, der noch keine 100 Tage im Amt ist. Seine Pläne für ein umfangreiches innerstaatliches Konjunkturprogramm, die Ankündigung des Rückzugs amerikanischer Soldaten aus Afghanistan und die durch COVID zusätzlich angespannte Haushaltssituation machen deutlich, dass er kein Interesse an weiteren internationalen militärischen Engagements haben sollte.  Joe Biden muss nun aber zeigen, wie er auf die Provokationen aus Russland reagieren wird. Es könnte die Ouvertüre für die US-amerikanischen und russischen Beziehungen für die nächsten Jahre sein. Es scheint klar, dass US-Präsident Biden genau so wenig wie US-Präsident Obama während der vorangegangenen Krise 2014 für die Ukraine eine militärische Konfrontation eingehen will. In diesem Kontext muss er deutlich machen, dass die USA ein ähnliches Vorgehen wie 2014 nicht akzeptieren werden. Nur wenn Biden jetzt schnell und entschieden handelt, wenn er glaubhaft vermittelt, dass die USA wieder verstärkt Interesse an der Rolle als Weltpolizist haben, kann der Aufmarsch Russlands unter mehr oder weniger glaubhaften Begründungen abgebrochen und die Truppen an der Grenze zur Ukraine reduziert werden. Andernfalls könnte Russland versuchen, das von den USA verursachte Machtvakuum zu nutzen – wie andere Regionalmächte auch. Eine weitere Schwächung des internationalen Systems mit vielen weiteren internationalen Krisen wäre die Folge.

Politische Risiken gelten bisher als komplex und wenig greifbar. Kontaktieren Sie unser Sales Team, um zu erfahren, wie MBI’s CONIAS Risk Intelligence Unternehmen dabei unterstützen kann, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielte Anpassungsstrategien zu entwickeln.


Über den Autor:

Dr. Nicolas Schwank
Chief Data Scientist Political Risk
Michael Bauer International GmbH

Bildquelle: ВО «Свобода», CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

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